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Familienfeier.

Ein kompletter Satz. Ein Satz mit gewaltiger Aussagekraft. Ein Satz, der bei Ankündigung zu Schweißausbrüchen und anderen körperlichen Symptomen führen kann.

Für viele Menschen sind Familienfeiern mit Eltern, Bruder, Schwester, Tante, Onkel, Oma und Opa eine echte Herausforderung.

Kenn ich. Von früher. Von vor ganz paar Jahren.

Mein Gefühl vor dem Fest glich riesigem Lampenfieber. Jenes danach einem (alkoholfreien) Kater.

Ich verstand lange Zeit nicht, was da lief. Kam gar nicht erst auf die Idee zu hinterfragen.

Ich nahm es als gegeben hin, dass meine Schwester als überlegene Frau am Abend glänzte, die ihr Leben wunderbar im Griff hatte. Ich dagegen echt froh sein durfte, dass mich das Familien-Unternehmen ernährte.

Der schale Geschmack hielt ganz paar Tage an. Ich fühlte mich in der Kater-Phase blöder, blasser, dämlicher, hilfloser, kleiner als je zuvor.

Heute weiß ich um die Zusammenhänge.

Jedes Mitglied eines Familiensystems nimmt eine ganz bestimmte Rolle ein. Keine ist zweimal vergeben. 

Echt doof, wenn z.B. die der vernünftigen, verlässlichen, geradlinigen Tochter schon belegt ist. Bleibt für Dich dann z.B. nur die chaotische, rebellische Note übrig.

Für ihre beeindruckende Inszenierung braucht die Familie keinen Regisseur. Jeder Darsteller nimmt ruckzuck und äußerst verlässlich die ihm angedachte Rolle ein.    

Prinzessin. Rebellin. Heulsuse. Erfolgloser Säufer. Macho. Die Artige, Nette oder Angepasste. Der ewige Loser. Das schwarze Schaf.

Der Ablauf passiert fast schon atemberaubend nach dem immer gleichen Muster.

Jede und Jeder weiß, was er wann zu sagen und zu tun hat. Und das Karussell dreht und dreht und dreht sich.

Am (tragischen) Spielende hat sich die eigene Rolle noch weiter eingebrannt in Fleisch und Blut und Hirn.

Falls Dir jetzt gerade schlecht wird, lies bitte unbedingt weiter. Am Artikelende wartet auf Dich die Lösung fürs Happy End. 

Rein theoretisch hast Du IMMER die Wahl, welche Rolle Du einnimmst.

Gleichzeitig sorgen Deine unbewussten Prägungen in rasanter Geschwindigkeit dafür, dass Du – wie von Zauberhand – reinrutschst in den alten Sumpf.

Für einen Ausstieg aus Deiner gewohnten Rolle brauchst Du Geduld und ganz viel Spucke. Jede Menge Neugier, Beobachtungswillen und Humor. Letzteres weil das Drama wohl sonst nur schwer zu ertragen ist.

Ich verrate Dir jetzt meine Lieblings-Technik, mit der ich mittlerweile jede Familienfeier gelassen meistere.

Sie stoppt Deinen Fahrstuhl, wenn dieser samt Rollenklarheit und Deinem Standing als kraftvolle, autarke, erwachsene Frau in den Keller rasen will.

 

1.       Sei Dir bewusst, dass Deine Rolle innerhalb Deiner Herkunftsfamilie ein erlerntes Verhalten ist, dass Du zur Gewohnheit gemacht hast. Zugegeben es ist sehr, sehr hartnäckig. Gleichzeitig kannst Du jetzt in diesem Moment die Entscheidung treffen, hier auszusteigen. (Ist übrigens völlig egal, wie viele Ehrenrunden Du nach dieser Entscheidung drehst.)

 

2.       Tauche ein als neugierige Beobachterin in Deine Familie. Ich persönlich liebe es, mir vorzustellen, dass ich im Zuschauerraum eines Theaters sitze und staunend verfolge, was meine Familie, Verwandtschaft und ich so abziehen.

 

3.       Stelle Dir folgende Fragen: Welche Rolle spiele ich? Was ermöglicht mir diese Rolle? Was verhindert sie? Will ich diese Rolle weiterhin übernehmen? Was ist und wird mir möglich, wenn ich mich ein für alle Mal von ihr verabschiede?

 

4.       Sobald ich spüre, dass ich belustigte Zuschauerin bin und nicht mehr Gefahr laufe, meine alte (und wirklich blöde) Rolle einzunehmen, sehe und höre ich den Schauspielern gespannt zu, schnappe ich mir gedanklich Block und Bleistift und schreibe mir alle (zum Himmel schreienden) Lebensweisheiten auf. All die komischen Dinger zu Geld, Reichtum, Erfolg, Liebe und Beziehung, die ich viele Jahre unbewusst glaubte, ungefragt lebte, und von denen ich mich viel zu lange deckeln ließ.

 

5.       Manchmal, wenn ich merke, dass ich auf eine alte Wunde stoße, nehme ich mich selbst in den Arm, hab mich ganz lieb und weiß just in diesem Augenblick, dass ich gerade eine Entdeckung mache, die mir wieder – eventuell mit Hilfe von außen – innere Heilung ermöglicht.

Sei Dir beim Ausprobieren dieser Strategie gewiss, dass nicht jedes Familienmitglied Deine Entscheidung für eine neue Rolle gutheißen wird.

Du wirst offenen oder verdeckten, mit Pseudobesorgnis getarnten Widerstand erfahren.

Lächle hier charmant und husch zurück auf Dein Plätzchen im Zuschauerraum. Dein Blick aufs neuerliche Bühnenstück lässt Dich erkennen und verstehen.

Herzlich, Katl